Fatima-Botschaft für unsere heutige Zeit

Interview mit Pater Gérard Mura (Teil I)

Das 100-jährige Jubiläum der Erscheinungen Mariens in Fatima ist in der katholischen Welt allgegenwärtig. Doch worin besteht die Bedeutung der Fatima-Botschaft für unsere heutige Zeit? Um dieser und anderer drängender Fragen auf den Grund zu gehen, hat DER GERADE WEG bei Pater Gérard Mura nachgefragt, der bereits seit vielen Jahren die Erscheinungen und Botschaften von Fatima erforscht. Dabei nimmt er sowohl andere Marienerscheinungen als auch aktuelle Geschehnisse in Kirche und Welt in den Blick.

Hochwürdiger Herr Pater Mura, warum sollten wir Katholiken uns im 21. Jahrhundert mit den Erscheinungen Mariens in Fatima beschäftigen?

Maria ist 1917 in Portugal, in Fatima drei Kindern erschienen: Lucia, Francesco und Jacinta. Diese Erscheinung stellt den Höhepunkt der Folge von Marienerscheinungen dar, welche 1830 begonnen hat: 1830 in Paris (Rue du Bac), 1846 in La Salette, 1858 in Lourdes, 1871 in Pontmain und eben 1917 in Fatima. In diesen Erscheinungen ist Maria fast immer im Zusammenhang mit der revolutionären Entwicklung der modernen linken Ideologie, insbesondere des Kommunismus, erschienen, um den Gläubigen den Weg zur Sicherung ihres Heiles anzuzeigen.

In Fatima kündigte Maria den Menschen den Weg zur Sicherung ihres persönlichen Heils an, aber auch für die Christenheit sagte sie die kommenden furchtbaren Kämpfe zwischen Licht und Finsternis an, wenn man nicht auf ihr Verlangen höre. Sie kündigte die Irrtümer an, die sich zunächst von Russland aus über die ganze Welt verbreiten sollten und zu Kriegen und Verfolgungen so vieler Christen führen sollten.
Maria ist gekommen, um uns den Weg zum wahren Frieden der Welt anzuzeigen. Dieser Friede ist zuerst ein Friede der Menschen mit dem wahren dreifaltigen Gott. Ohne den Frieden mit Gott werden die Menschen auch untereinander keinen Frieden finden. Dieser Friede ist Maria anvertraut, wie besonders Jacinta auf ihrem Sterbebett noch in ihrem Gespräch mit Lucia betonte (Frère Francois de Marie des Anges, Fatima Joie intime, 1993, S. 120; künftig: FJI).
In den modernen Zeiten, besonders intensiv seit der französischen Revolution, ist offensichtlich der Teufel entfesselt worden, mit seinen immer subtileren Irrlehren und gewaltigeren Revolutionen und schlussendlich der neuen Ordnung, die er in der Welt zu schaffen sucht. Die modernen Marienerscheinungen zeigen deutlich, dass Gott den Sieg über den entfesselten Teufel und die Sünde Maria anvertraut hat. Menschlich gesehen, kann der Lauf der Dinge nämlich nicht rückgängig gemacht werden.
Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort sagt in seinen Schriften klar, dass Gott den Teufel durch Maria besiegen will, besonders in den kommenden Zeiten. Der hl. Ludwig Maria versichert nämlich, „dass Satan in seinem Hochmut unendlich mehr leidet, von einer geringen und demütigen Magd des Herrn als von diesem selbst besiegt und bestraft zu werden, und dass ihre Demut für ihn vernichtender wirkt, als die Allmacht Gottes“. Es zeigt auch mehr die Macht und Weisheit Gottes, wenn er den Teufel durch ein schwaches Instrument besiegt, als unmittelbar durch seine Allmacht. Der hl. Ludwig zitiert die Worte Gottes an die Schlange im Paradies: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe [Maria], zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft; sie wird dir den Kopf zertreten und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ Und er versichert, dass dieses Siegesversprechen in erster Linie für die kommende Zeit, der von ihm vorhergesehenen außergewöhnlichen Angriffe des Teufels gegen die Kinder Gottes, gilt.

Maria ist die Mittlerin aller Gnaden. Diese so wichtige und bisher noch nicht dogmatisch festgestellte Wahrheit, soll offensichtlich durch Fatima allen Christen neu ans Herz gelegt werden.

Aber kann eine Privatoffenbarung für die Christenheit wirklich so wichtig sein?

Mit dem Tod des letzten Apostels ist nämlich der Offenbarungsschatz der Kirche vollkommen. Die Privatoffenbarungen, welche für die Christenheit gegeben werden, vermehren tatsächlich nicht mehr den Schatz den Offenbarungswahrheiten. Wohl aber sind sie von höchster Bedeutung für die Leitung der Christenheit, durch die vielfältigen Gefahren.
Der hl. Thomas von Aquin, der größte katholische Theologe, lehrt, dass die Gabe der Prophetie – 
d. h. die Privatoffenbarungen – uns (auch im Neuen Testament) gegeben ist, zur Lenkung der Völker: „Fehlt die Prophetie, löst sich das Volk auf. Und so wurden die Menschen zu allen Zeiten auf göttliche Weise über das belehrt, was zu tun ist, sowie es nötig war zum Heil der Auserwählten“ (Sth II II, 174, 6, corp.). „Das prophetische Licht erstreckt sich auf die Leitung der menschlichen Handlungen. Und in diesem Sinn ist die Prophetie notwendig zur Regierung der Völker, insbesondere im Hinblick auf die Gottesverehrung [d. h. zum Schutz der Verehrung des wahren Gottes]“ (Sth II II, 172, 1, ad4).
Privatoffenbarungen, welche von Gott für die Christenheit bestimmt sind, sollten daher, nach dem Vorschlag ernster Theologen, eher öffentliche Prophetie genannt werden.
Das Leben und die Sendung der hl. Johanna von Orléans illustriert diese Lehre auf wundervolle Weise. Ohne ihre Sendung wäre Frankreich mit seiner katholischen Kultur wohl zugrunde gegangen. Es wäre zunächst englisch und dann wohl auch protestantisch geworden.
Wir sehen also, dass wir in unserer Zeit – der großen Krise des wahren Glaubens in der Welt und in der Kirche – zwingend dem Weg folgen müssen, den der Himmel angibt, um diese Krise zu überwinden und persönlich unser Heil zu sichern.
Maria hat den Menschen des heutigen Zeitalters in Fatima den Frieden versprochen. Die Menschen suchen heute tatsächlich immer mehr, einen globalen Frieden zu organisieren, durch eine humanistische Neuordnung der Welt. Von diesem Friedensstreben war schon Papst Johannes XXIII. erfüllt. Er versuchte durch den Dialog und den Ökumenismus einen Frieden mit der Welt und auf der Welt zu erlangen. So war er im Jahre 1960, in dem er das Geheimnis von Fatima verkünden sollte, in eine Situation hineingestellt, in welcher er sich entscheiden musste, welchen Frieden er wollte: den Frieden, den die Himmelskönigin sicher versprochen hat oder den Frieden durch Öffnung der ‚Fenster‘ der Kirche zur Welt. Er musste sich entscheiden, zwischen der Durchführung des Konzils und der Veröffentlichung des dritten Geheimnisses von Fatima. Beides war nicht vereinbar: der eine Friede gründete auf einem übernatürlichen Denken, der andere Friede auf einem allzu natürlichen, allzu humanistischen Denken. Die vom Himmel für 1960 verlangte Verkündigung des dritten Geheimnisses von Fatima hätte (aus mehreren Gründen), ein solches Konzil nicht mehr möglich gemacht. Der Papst hat sich tatsächlich zwischen diesen beiden Wegen entschieden. Das Konzil, welches die Kirche der Welt und ihrem Humanismus ein Stück weit anpassen sollte, wurde durchgeführt. Das dritte Geheimnis von Fatima wurde dementsprechend nicht veröffentlicht und streng geheim gehalten.

An der, dem Konzil folgenden, Katastrophe wird deutlich, wie schrecklich sich der Ungehorsam gegen den Willen Mariens auswirkt. Ähnliches gilt für die Weigerung, die Weihe Russlands in der Weise durchzuführen, wie sie der Himmel verlangt hat. Hätte der Vikar Christi Christus gehorcht, sähe die Welt heute anders aus.

Am 13. Juni 1917 versprach die Gottesmutter in Fatima jedem das ewige Heil, der ihr Unbeflecktes Herz verehrt. Worin genau besteht diese Verehrung?

Maria bittet in Fatima um eine Verinnerlichung und Vertiefung unserer Marienverehrung. Sie bittet um das tägliche Rosenkranzgebet und die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens. Das Unbefleckte Herz Mariens ist Ausdruck der innersten Gesinnungen, ihrer mit Gott ganz vereinten Seele: Ihre Gottesliebe und mütterliche Liebe zu allen ihren Kindern. Darum sagt Schwester Lucia von Fatima, im Interview mit Pater Fuentes 1957: “Die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens, unserer Heiligsten Mutter, besteht darin, sie als Sitz des Erbarmens, der Güte und der Verzeihung zu betrachten und als die sichere Tür, durch welche wir in den Himmel gelangen.“

Das Leben Mariens mit Gott ist, zunächst in ihrem Innenleben, fest gegründet. Wir können darum das Unbefleckte Herz Mariens nicht adäquat durch bloße äußere Andachten verehren. Vielmehr möchte sie Fortschritte in der Gottverbundenheit unseres Innenlebens sehen. Wir sollen das nachahmen, was in ihrem Herzen geschieht: „Maria aber bewahrte und erwog alle diese Dinge in ihrem Herzen“ (Lk 2, 19). Und dies geschieht besonders durch das tägliche Rosenkranzgebet, in welchem wir uns mit den zentralen Wahrheiten unseres Erlösungsgeschehens innig vertraut machen. Das Rosenkranzgebet soll ein betrachtendes Gebet sein. Durch das Rosenkranzgebet teilt uns Maria etwas von ihrem damaligen Glauben mit, von ihrer kindlichen Gottesliebe und selbstvergessenen Nächstenliebe. Sie teilt uns auch etwas von ihrer grenzenlosen Ganzhingabe an den Willen Gottes mit.
Die vier Übungen, die Maria für den Herz-Mariä-Sühnesamstag erbeten hat, helfen uns zu verstehen, was unter Herz-Mariä-Verehrung zu verstehen ist: Rosenkranz, Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse, Beichte und Kommunion mit Maria verbunden, um ihr gegenüber Sühne zu leisten. Die Betrachtung der Heilsgeheimnisse mit Maria und die Kommunion mit Maria werden sicher auch außerhalb der Sühnesamstage, zu dieser Verinnerlichung mit Maria verhelfen.
Maria sagte in Fatima am 13. Juni: „Jesus will in der Welt die Verehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer sie übt, dem verspreche ich das Heil.“ Bauen wir darauf!

Die Ganzhingabe an Maria nach dem Hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort ist im Grunde die Vollendung der Herz-Mariä-Verehrung: Die Ganzhingabe an Maria und durch sie und mit ihr an den Willen Gottes. Es ist die Nachahmung ihres Innenlebens und die Teilhabe an der Hingabe des Unbefleckten Herzens Mariä.

Ist die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariä heute besonders wichtig für unser Heil?

Maria hat die großen Gefahren für das Heil der einzelnen Menschen, ab dem zweiten Vatikanischen Konzil und ab den 60er Jahren, in der Welt vorhergesehen. Daher hat sie ein unerhört großes Versprechen gemacht: Wer an fünf aufeinander folgenden Samstagen die bekannten Übungen der Herz-Mariä-Sühnesamstage hält, dem verspricht sie in der Todesstunde alle Gnaden, um seine Seele zu retten. Damit kann jeder die Gnade erhalten, in diesen schweren Zeiten im Glauben durchzustehen und in der Gnade auszuharren. Keiner kann sich dann vor dem Gericht Gottes herausreden, er hätte nicht die hinreichende Gnade gehabt.

Maria allein hat auf Erden den vollkommenen Glauben gehabt und hat allein unter dem Kreuz nicht gewankt. Unser Herr selbst hatte keinen Glauben nötig, denn er schaute immerzu seinen Vater im Himmel. Maria ist somit die besondere Aufgabe anvertraut, unseren Glauben zu stärken und alle Häresien der Welt zu zertreten. Diese sind heute ganz ungewöhnlich mächtig geworden. In der Liturgie (25. März) heißt es: “Gaude, Maria Virgo, cunctas haereses sola interemisti”, „Freue Dich Maria, Du allein hast alle Häresien überwunden.”

Der Jünger, der als einziger Maria unter dem Kreuz begleitet hat und dem unser Herr vom Kreuz aus Maria als Mutter gab, hat auch als Erster an die Auferstehung geglaubt. So wird Maria auch in der heutigen Zeit, der Passion der Kirche, denjenigen den Glauben erhalten, die ihr kindlich nahestehen.

Genau einen Monat später – am 13. Juli – forderte Maria die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz. Wie kann es sein, dass auf einen so geringen Akt, eine so große Wirkung folgt?

Unsere Liebe Frau von Fatima hat am 13. Juli 1917 angekündigt, sie werde noch kommen, um die Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz zu verlangen. Dadurch sollte die Verbreitung der Irrtümer Russlands (Kommunismus) in der Welt verhindert werden, aber auch Krieg (unter anderem der zweite Weltkrieg) und Verfolgungen der Kirche. Durch die Weihe versprach sie auch, Russland zu bekehren und es sollte Friede sein in der Welt. Maria ist Schwester Lucia am 13. Juni 1929 in Tuy erschienen, um diese Weihe konkret zu verlangen: „Unsere Liebe Frau hat gesagt: ‚Der Augenblick ist gekommen, an dem Gott verlangt, dass der Heilige Vater die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz vornimmt und anordnet, dass alle Bischöfe der Welt dies in Vereinigung mit ihm und zu gleicher Zeit vornehmen‘, in dem er verspricht, es wegen dieses Tages der weltweiten Übung des Gebetes und der Buße zu bekehren.“ Schwester Lucia präzisierte die Bedingungen noch etwas in einem Brief an ihren Beichtvater Goncalves (29.05.1930): „Der Liebe Gott verspricht, der Verfolgung ein Ende zu machen, wenn der Heilige Vater einen öffentlichen und feierlichen Akt der Wiedergutmachung (Sühne) und der Weihe Russlands an die Heiligsten Herzen Jesu und Mariens durchführt und den Bischöfen der katholischen Welt ebenfalls durchzuführen vorschreibt und wenn seine Heiligkeit verspricht, die Übung der oben angegebenen Sühneandacht [die Herz Mariä-Sühnesamstage] vermittels der Beendigung dieser Verfolgung anzuerkennen und zu verbreiten.“

Wie kann es sein, dass auf einen so geringen Akt eine so große Wirkung folgt? Wir müssen beachten, dass die eigentliche Wirksamkeit des Papstes nicht aufgrund seines diplomatischen Geschicks erfolgt, sondern aufgrund seines übernatürlichen Glaubens. Wir können dies etwa sehen in der, im Grunde siegreichen, Auseinandersetzung des hl. Papstes Pius X. mit der französischen Regierung, die die Kirche zu unterjochen suchte.
Der Papst kann die Weihe nur durchführen, wenn er wirklich übernatürlich denkt. Diese Weihe verstößt gegen alle weltlich-diplomatischen Grundsätze, die sich Rom inzwischen zurechtgelegt hat.
Sie verstößt gegen die Ostpolitik der Päpste, gegen die Ökumene mit den Orthodoxen in Russland. Sie beleidigt – nach menschlichem Ermessen – die Orthodoxen, die nicht an die unbefleckte Empfängnis glauben, durch die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. Die Weihe bedeutet, dass der römische Papst vor Gott die geistliche Gewalt über alle Getauften hat, auch über die Orthodoxen. Die Weihe bedeutete damals auch eine klare Verurteilung des Kommunismus, mit welchem die Orthodoxe Gemeinschaft aber liiert war. Eine solche Weihehandlung wäre daher insgesamt gesehen die Vernichtung aller diplomatisch-menschlichen Bemühungen der Ökumene gewesen.
Der Papst wird daher erst dann eine solche Weihe vornehmen können, wenn er sich über alles allzu Menschliche erheben kann, um ganz auf Gott zu vertrauen. Gott wirkt das Große nicht durch Kompromisse, sondern durch die Kraft des Glaubens und der Wahrheit.

Wie leicht ersichtlich ist, bedeutet eine solche Weihe nicht nur die Heilung Russlands, sondern auch eine innerkirchliche Zurückweisung des Progressismus. Es ist die perfekte Antithese zum Ökumenismus.

Das Gespräch wird in der kommenden Ausgabe fortgesetzt.

Buchempfehlung

Mura,  Gérard u. Huber, Martin: Fatima – Rom – Moskau. Durch die Weihe Russlands zum Triumph Mariens. Sarto Verlag, Stuttgart 2010, 494 Seiten. 
Erhältlich unter sarto.de.