Apologetik Teil 1

Was ist „Apologetik“?

Im dreijährigen Zyklus der KJB-Kaderschulung findet sich das Thema Apologetik, das auch in diesem Jahr wieder behandelt wird. Immer wieder hört man die Frage: Was ist das überhaupt, „Apologetik“?

Das Wort kommt aus dem Griechischen „ἀπολογία“ (sprich „Apología“), und heißt übersetzt „Verteidigung, Rechtfertigung“. Gemeint ist natürlich die Verteidigung und Rechtfertigung des katholischen Glaubens gegen die Einwände der Atheisten und Kirchenfeinde.

Warum ist die Apologetik so wichtig?

Dr. Migwe, ein Schwarzafrikaner aus Kenia, der sich sehr früh – bereits in den 70er Jahren – an den Erzbischof wandte und ihn um Priester für Afrika bat, gab mir auf die Frage, warum er die Kirchenkrise so klar erkannte, folgende Antwort: „Wissen Sie, Herr Pater, wir hatten gewöhnlichen Religionsunterricht, aber was mich am meisten gestärkt hat, war ein junger Priester, der uns in der Apologetik schulte. Er gab uns Argumente gegen alle Einwände, die man immer gegen Gott und seine heilige Kirche vorbringt. Das hat er uns so hervorragend beigebracht, dass ich später immer meinen Glauben verteidigen konnte“

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Es gibt wenig mutige Katholiken

Leider Gottes gibt es sehr wenig mutige Katholiken. Das liegt oft auch daran, dass sich viele Katholiken nicht gegen die Schlagworte der Kirchenfeinde zu wehren wissen. Die altbekannten Mauerbrecher sind ja immer die selben und man möchte fast sagen, es sind die selben seit dreihundert Jahren, seit der Zeit der Aufklärung, da Voltaire den Kampf gegen die Kirche gesellschaftsfähig gemacht hat. Um die Kirche schlecht zu machen spricht man von „Millionen von Hexenverbrennungen“, den „bösen Kreuzzügen“, der ach so „ungerechten Inquisition“ und schließlich dem „finstren Mittelalter“. Danach ist der ganze Stolz, den ein Katholik auf seine heilige Mutter, die Kirche, haben sollte, zunichte gemacht.

Der bekannte Philosoph Professor Dr. Walter Hoerres, den ich mit großem Stolz zum meinen Freunden zählen darf, sagt zurecht: „Wir sind alle dazu aufgerufen, in der Diskussion, im Gespräch mit unseren Mitmenschen diese einfachen Einsichten weiterzugeben. (…) Das ist dieser vermaledeite – entschuldigen Sie dieses harte Wort – Minderwertigkeitskomplex. Den müssen wir aus unseren Gläubigen herausbringen. Unbedingt.“

Wie ist die Apologetik aufgebaut?

Der Aufbau der Apologetik, wie er für die Kaderschulung gehalten wird, entspricht dem, was ein kluger Verteidiger einer großen Burg oder Festung machen würde.

Einerseits positiv verstärken, das heißt die Burgmauern vergrößern, die eigene Festungsanlage ausbauen; anderseits versuchen zu schwächen, nämlich die Pfeile des Gegners abfangen, sie vorzeitig löschen, den Angriffssturm aufhalten und abwehren.

Genau so ist auch die Apologetik aufgebaut.

1. Den Glauben stärken

Der Apologet versucht den Glauben zu stärken. Aber womit? Ist nicht der Glaube eine ganz persönliche Entscheidung, welche jeder einzelne für sich trifft, und zwar mit Hilfe der Gnade? Wie kann man da den Glauben stärken?

Hier ist ein weiterer Vergleich hilfreich: Einen Glaubensakt zu setzen ist wie über eine Brücke zu gehen, um vom jenseitigen Ufer Kenntnisse zu bekommen. Dieser Weg, dieses Gehen, hängt einzig und allein von der durch die Gnade geführten, freien Entscheidung ab. Die Aufgabe des Apologeten besteht darin, die Qualität der Brücke nachzuweisen und dem Zweifelnden zeigen: Schau, diese Brücke ist die beste. Sie ist stabil, sie ist gut gebaut, sie hat ein Geländer, sie ist auf festen Pfeilern, wenn du diese Brücke überschreitest, wirst du wirklich Wesentliches über das jenseitige Ufer erfahren.

Genau das bezeichnet man als die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche.

Aber da könnte schon der aufmerksame Leser bereits anmerken: Heutzutage wissen wir so viel über fremde Religionen. Sind das nicht alles Brücken, welche die jeweiligen Religionsvertreter anbieten? Dabei versucht jeder Brückenwärter, den Vorübergehenden zu bewegen, über die Brücke seines eigenen Glaubens zu gehen: Da sind die Moslems, die sagen: Glaube dem Koran und Mohammed! Die Zeugen Jehovas, die Freikirche, die Mormonen, die Juden, die Buddhisten, die Hinduisten und wer auch immer etwas über das Jenseits aussagt. Jeder bietet eine Brücke an, um etwas über das zu erfahren, was unseren Sinnen nicht direkt zugänglich ist, Gott und das Jenseits. Natürlich steht da auch die Brücke, vor der ein katholischer Bischof steht, und den Menschen sagt: Geh über die Brücke der katholischen Kirche, die von Jesus Christus gegründet wurde. Nicht umsonst heißt das lateinische Wort für Bischof „Pontifex“, das heißt übersetzt Brückenbauer!

Was ist hier zu tun? Wenn es so viele Brücken und Vertreter des jeweiligen Weges gibt, wie kann man dann die richtige erkennen?

Die Lüge von der Ringparabel

Zu allererst muss man sich vor einem folgenschweren Irrtum hüten, der heute von praktisch omnipräsent ist. Es ist der Inhalt der Ringparabel. Die daraus hervorgehende seit dreihundert Jahren in den Köpfen der Menschen präsente These ist der eigentliche Geniestreich der Aufklärung gegen den katholischen Glauben, besser gesagt gegen die Wahrheitsfrage im Glauben überhaupt.

Zur Erinnerung: In der Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ wird für die drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – folgendes Gleichnis erzählt: Ein Vater hat drei Söhne, aber nur einen Ring, den er vererben kann. Weil er keinen der drei beleidigen will, macht er zwei Ringe nach, die so echt aussehen, dass kein Mensch mehr in der Lage ist, die Duplikate vom wahren Ring zu unterscheiden. Dadurch kann keiner der drei Söhne mehr beweisen, dass er den echten besitze, denn eine Unterscheidung ist fortan unmöglich. Auf die Religion angewandt: Keiner von den dreien, ob Christ, Jude oder Moslem kann fortan beweisen, den wahren Ring zu haben.

Die Enthauptung des Königs

Was damit behauptet wird, klingt zunächst gelinde, lässt sich aber vergleichen mit der Enthauptung des Königs von Frankreich während der Revolution: Die Wahrheitsfrage ist in Sachen Religion fortan unstellbar. Die Diskussion über „Welche Religion ist die wahre?“ wird für sinnlos erklärt, ehe man sie überhaupt beginnen kann. Wenn man heute jemandem die Frage stellt, welche Religion die wahre ist, dann sagt er: „Es gibt doch keine wahren und falschen Religionen. Jede Religion ist wahr, nämlich für den, der sie glaubt. Es ist Unsinn, hier nach der Wahrheit zu fragen.“

Diese Idee, welche damals noch revolutionär und nur in den Köpfen der Logenbrüder und Freidenker war, ist heute allgegenwärtig. Sobald die Religionsfrage auftaucht bekommt man von der einfachen Hausfrau sowie vom Universitätsprofessor zu hören: „Die Religionen ist doch egal, wir glauben doch alle an den einen Gott.“ Oder in der humanistischen Version: „Die Religion spielt keine Rolle, Hauptsache man ist ein guter Mensch.“

Sogar das Konzil ist mit fatalen Stellen in Nostra Aetate dem Weg der Aufklärung gefolgt: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und für sich seienden, barmherzigen und allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“ Mit den Religionstreffen von Assisi wurde und wird die These der Ringparabel noch um ein Vielfaches erweitert und auf beinahe alle heute existierenden Weltanschauungen ausgedehnt. Zum Schluss bleibt die These, von auch jeder Katholik heute überzeugt ist, dank dieser fünfzigjährigen Umschulung: „Jede Religion ist gleichberechtigt, jeder soll seinen Weg gehen.“

Die Lüge der Ringparabel ist philosophisch betrachtet ein Gemenge aus Subjektivismus (ich entscheide, was wahr ist) und Agnostizismus (über Gott können wir nichts wissen). In der Diskussion tritt er in verschiedenen Formen auf. Folgende sieben Argumente sind immer wieder zu hören:

1.) Religionen behandeln Glaubenssachen und da kann keiner etwas überprüfen oder beweisen. Also kann man in Religionsfragen gar nichts über wahr und falsch aussagen.

2.) Es gibt so viele Religionen. Auch die Buddhisten, Moslems und Juden usw. behaupten, die Wahrheit zu haben. Alle Vertreter der Religionen glauben, sie seien auf dem richtigen Weg. Da ist die katholische Kirche nur eine von vielen, die behauptet, die wahre zu sein.

3.) Es geht gar nicht darum, die Wahrheitsfrage zu stellen, sondern die Frage nach dem Menschen: Wenn ihm die Religion etwas gibt, etwas sagt, etwas bedeutet, er dabei etwas fühlt, dann ist sie für ihn auch richtig und gut für ihn.

4.) Es wäre inteolerant zu behaupten, das nur eine einzige Religion wahr ist.

5.) Es wäre äußerst selbstherrlich und überheblich zu sagen, NUR das was ich sage stimmt, während alle anderen sich irren. Die anderen haben auch Recht. Wir glauben doch alle an den einen Gott.

6). Jeder muss selbst entscheiden, was für ihn wahr ist und was nicht.

7.) Es gibt keine wahre Religion, jeder hat seinen eigenen richtigen Weg (Im einfachen Gespräch oft formuliert als: Ich finde meines richtig, du findest deines richtig.) = Argument des Subjekitivismus

Für diese gesamte Gruppe von Argumenten lässt sich nach einer philosphischen Analyse eines feststellen: Sie basieren allesamt auf einem logischen Denkfehler. Darum heißt diese erste Gruppe „Argumente, die einen logischen Irrtum beinhalten“. Sie werden im Folgenden als erste behandelt werden, bevor man mit der Glaubwürdigkeit der katholischen Religion beginnen kann. Oder, um das eingangs erwähnte Bild zu gebrauchen: Man muss bereits hier beginnen, die geschossenen Pfeile abzuwehren.

Ein Trost aus der Bibel

Bevor diese Argumente entkräftet werden, es soll hier einmal in aller Klarheit gesagt sein: Gerade in der Frage der verschiedenen Religionen geht es einzig und allein nur um die Wahrheit, sie ist auch das zentrale Fundament der Botschaft Jesu Christi. Jesus hat nicht gesagt, er sei gekommen, um Zeugnis für die Mitmenschlichkeit abzulegen, oder die Freundlichkeit, die Nächstenliebe oder gar die Brüderlichkeit, jener Grundthese des Konzilsdokumentes „Gaudium et Spes“, das beinahe aus der Feder eines Freidenkers stammen könnte. In der Stunde der größten Verlassenheit, als er alleine und verlacht, von den Jüngern ihn im Stich gelassen und als – wie Heine sagt – ein „Narr“, ein „Menschheitsretter“ und „unglücklicher Schwärmer“ vor Pilatus stand, das gab Jesus uns zu begreifen, worum es wirklich geht: „Jesus antwortete: ‚Ja, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.’“ Nicht Humanismus und Menschheitsverbrüderung sind die Ziele seines Kommens, sondern die Wahrheit. Eine Betrachtung und Kursänderung gemäß dieser Stelle bei Johannes 18,37 wäre insbesondere den Vertretern der nachkonziliaren Ekklesiologie zu wünschen.

Antwort auf die Einwände mit einem logischen Fehlschluss

Einwand 1: Religionen sind Glaubenssachen und das kann keiner etwas überprüfen oder beweisen. Also kann man in Sachen Religion gar nichts über wahr und falsch aussagen.

Antwort: Falsch. Gerade in der Frage der Religion ist es von höchster Wichtigkeit, die Vernunft zu gebrauchen. Genau die Vernunft ist es, welche die Brücken der anderen Religionen und auch die eigene Religion prüfen darf und muss.

Aber, so lautet der Einwand, Glauben heißt ja, Aussagen und Erkenntnisse annehmen, die eben nicht verstandesmäßig beweisbar sind. Die Vernunft kann ja gerade nicht beweisen, dass Gott dreifaltig oder dass Jesus wahrhaft im Altarsakrament gegenwärtig ist. Das sind Glaubensgeheimnisse im strengen Sinn. Wer denkt, er könnte das Beweisen, der ist schon auf dem Holzweg.

Dennoch lautet die Lösung Vernunft. Es muss nämlich eine Unterscheidung getroffen werden, die für die Apologetik von zentralster Bedeutung ist. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis der Apologetik.

Die Vernunft kann zwar nicht das Jenseitige der Brücke, also die Glaubenswahrheiten in sich, beweisen, wohl aber kann und muss die Vernunft die Tragfähigkeit der Brücke überprüfen. Mit anderen Worten muss sie die Frage stellen: WARUM soll ich es glauben? Welche BEWEISE kann man anführen, dass die katholische Religion GLAUBWÜRDIG ist? Man sagt also zum Pontifex, zum Brückenbauer: Nenne mir Gründe, warum man Deiner Religion Glauben schenken soll und nicht einer anderen. Das nennt man die Glaubwürdigkeitsbeweise der katholischen Kirche.

Die Stammtisch-Version dieses Argumentes lautet: Warum soll ich gerade der katholischen Kirche glauben? Woher soll ich wissen, dass das wahr ist? Auch hier lautet die Antwort: Man muss die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche mit dem eigenen Verstand prüfen. Dann wird man einsehen, dass es sinnvoll und vernünftig ist, der Kirche zu glauben.

Die korrekt formulierte Antwort auf den Einwand lautet also:

Antwort 1: Die Vernunft kann keine Glaubenswahrheiten (Dreifaltigkeit, Jungfrauengeburt, Menschwerdung…) beweisen. Wohl aber ist sie in der Lage zu zeigen, warum es in hohem Maße vernünftig ist, zu glauben. Dabei ist die Vernunft in der Lage, die Glaub-WÜRDIGKEIT der katholischen Religion nachzuweisen.

Es gibt sieben große Glaubwürdigkeitsgründe für die katholische Religion, welche im Kapitel „Argumente für den katholischen Glauben“ behandelt werden. Die Antworten auf die Einwände 2 bis 6 findet ihr in der nächsten Folge.

Autor: Pater Andreas Steiner