Der Ruf der Heiligen Ordensgründer (Teil 1)

Bei jeder beliebigen Gruppe von Menschen finden sich Personen mit verschiedenen Charakteren, Temperamentstypen und Talenten. Das gilt auch bei gläubigen Christen für die Arten der Frömmigkeit beziehungsweise für die Art, die jeweilige Beziehung zu Gott zu gestalten. So finden wir bereits im Alten Testament sowohl einen König David, der „unter Jubel und Posaunenklang“ vor der Bundeslade tanzte (2 Sam 6, 14ff) als auch einen Propheten Elias, der Gott nicht im Sturm, sondern in „leise[m], zarte[n] Säuseln“ fand (1 Kön 19, 11ff).Im Lauf der Kirchengeschichte bildeten immer wieder einzelne Männer eine ganz besondere Spiritualität heraus, die dann charakteristisch für den von ihnen gegründeten Orden wurde – so entstanden verschiedene Ordensspiritualitäten. Nun können wir uns fragen, ob die Spiritualität, die diese Männer prägten, uns als Christen im 21. Jahrhundert noch helfen können, unseren Glauben zu leben. Der Verfasser dieses Artikels meint ja, und möchte dies anhand der drei großen abendländischen Ordensgründer aus dem christlichen Mittelalter aufzeigen, sich durchaus bewusst, dass diese Abhandlung um sämtliche Ordensgründer ergänzt werden könnte. Dass man nicht in einem Kloster leben muss, um eine Ordensspiritualität für sein Glaubensleben in der Welt fruchtbar zu machen, zeigt schon die Geschichte der „Dritten Orden“. Das begeisterte Aneignen einer speziellen Ordensspiritualität kann indes freilich am Beginn einer Berufungsgeschichte stehen…

Benediktinische Wohlgeformtheit

Einprägend beim Lesen der regula benedicti, der bekannten Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia (480 – 547), ist die zwar nicht explizit aus formulierte, jedoch den Geist der Regel ausmachen de Ausgewogenheit zwischen kontemplativer und körperlicher Tätigkeit, die unter dem Stichwort ora et labora – „bete und arbeite!“, bekannt ist. Allerdings fehlt bei dieser Aufzählung noch ein wichtiger Punkt, nämlich der dritte Imperativ, der sich aus der regula ableitet, der da lautet lege – „lese!“. Durch diesen Auftrag wurde die europäische Bildungsgeschichte erst möglich gemacht; die intellektuelle Tätigkeit in den klösterlichen Schreibstuben umfasste bekanntermaßen auch die Abschrift antiker Klassiker. Die durch die Imperative ausgedrückten drei Anteile der benediktinischen Spiritualität bedingen sich gegenseitig und bilden eine wohlgeformte Einheit. Dabei ist zu betonen, dass auch die Arbeit ihren natürlichen Platz in der Spiritualität hat, gehört sie doch ganz essentiell zum natürlichen Wesen des Menschen, auf dem auch jede Gottesbegegnung fußt. Dies zeigt sich auch darin, dass der Auftrag Gottes an die Menschen, tätig zu sein, in der Genesis bereits vor dem Sündenfall an die Menschen ergeht: „Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und erhalte.“ (Gen 2, 15). Auch die Arbeit darf also im besten Sinne des Wortes als Gottes dienst verstanden werden.

Gebet – Arbeit – lesende Betrachtung, diese Trias ist in der benediktinischen Spiritualität eine organische Einheit und stellt somit ein gesundes Grund muster auch für den Christen dar, der sich in der modernen Welt wiederfindet. Rein äußerlich betrachtet kann hier festgehalten werden, dass es heutzutage besonders schwerfallen kann, in den häufigen Wechselfällen des alltäglichen Lebens Gleichgewicht und Ordnung zu wahren. So fehlt im Besonderen der innere Ausgleich; zum Arbeitsstress kommt nur allzu leicht der Freizeitstress hinzu: der erste Gedanke auf dem Nachhauseweg von der Arbeit dient wohl oft genug nicht einer sinnvollen Rekonvaleszenz und der Pflege der Freundschaft mit Gott, sondern der Pflege so mancher Netzwerke, die wohl nur nominell sozialen Charakter haben. Anstatt im gediegenen Fahrwasser eines sanften Stroms der Gottesfreundschaft finden wir uns leicht im Sog der modernen Freizeitindustrie wieder, die uns eine leicht greifbare soziale Geborgenheit im zwischen menschlichen Miteinander vorgaukelt, die dann doch nicht erreicht werden kann und in eine tiefe Unzufriedenheit stürzt, welche uns dann wiederum umso anfälliger für rein innerweltliche Heilsangebote macht, wobei unser Herz doch unruhig bleibt, bis es ruht in Gott (hl. Augustinus).

Wir müssen vornehmlich zwei Elemente der benediktinischen Ordensspiritualität für uns fruchtbar machen: es ist zum einen die gesunde innere Ordnung, aber zum anderen auch die Pflege der äußeren Schönheit unseres Glaubens. Es wäre eine falsche Lehre, die wir aus der Lauheit, die wir immer wieder bei uns selbst entdecken, zögen, wenn wir nun in unserem Glaubensleben in einen falschen Aktionismus, in die Bewältigung geistlicher Schwerathletik abdriften wollten. Das Ziel muss sein, einen hohen Grad der stabilitas , der Festigkeit, die eine weitere benediktinische Grundtugend ist, auch im geistlichen Leben zu erreichen. So ist es zum Beispiel besser, stets täglich 15 Minuten einen geistlichen Text zu lesen, anstatt eine Woche lang (etwa nach Exerzitien oder Jugendtreffen) jeden Tag drei Stunden zu betrachten und danach überhaupt nicht mehr. Nur schwer wird ein gediegenes, nicht den Wechselfällen der Launen unterworfenes Gebetsleben ohne Regelmäßigkeit und feste (Halt gebende, nicht einengende) Ordnung auskommen. Deshalb: Mut zu einem geregelten Tagesablauf, vor allem auch zu einer Einschränkung des Medien und Chatkonsums, denn: Wenn ein von guten Gedanken erfüllter Mensch jede Woche auch nur eine halbe Stunde ein erbauendes Gespräch führt, wird er mehr weitergeben können als derjenige, der stundenlang nur Belanglosigkeiten austauscht, weil er auch nur Belanglosigkeiten in sich aufgenommen hat.

Bei aller Notwendigkeit, auch einer benötigten Struktur Raum zu geben, weisen uns doch die prachtvollen Bauten benediktinischer Klöster und die besondere benediktinische Vorliebe einer feierlichen Gestaltung der heiligen Liturgie darauf hin, warum wir das alles tun: nicht um uns selbst zu beweisen, dass wir uns disziplinieren können, son dern um der Schönheit der Gottespracht in unserer Seele Möglichkeit zur Entfaltung zu geben!

Die Begegnung mit Gott in der heiligen Messe soll stets ein Abglanz des neuen Jerusalems sein, ein Ausblick dessen, was die Kinder Gottes künftig erwartet. Somit bedeutet benediktinische Spirituali tät in unserer formlosen Zeit auch immer das Bestre ben, der Gottesverehrung der Kirche einen würdigen Rahmen zu verleihen, damit die Liturgie als solche uns wieder Wegweiser sei auf unser ewiges Ziel. Durchschreiten wir im Geiste die schönen, Ruhe und Ordnung, aber auch Gottes Herrlichkeit ausstrahlen den Bauten benediktinischer Frömmigkeit, so gehen wir gestärkt in unseren Alltag, und stehen wir fest im Alltag, mag es um uns herum auch noch so durcheinander gehen.

Benediktinische Spiritualität in einem Satz: Die Beziehung zu Gott und die Pflichten der Arbeit stehen in einem ergänzenden Verhältnis, der Glaube aber wird so gelebt, dass ihn ordnende Strukturen stützen, bei alledem spiegelt sich die Sensibilität für die Schönheit des Glaubens besonders im Einsatz für eine ehrfürchtig gefeierte Liturgie wider.

So können wir sie für uns fruchtbar machen: Durch das Erstellen eines geregelten Tagesplans, die Festlegung realistischer Betrachtungszeiten und eines bewältigbaren Gebetspensums (ein besonderer benediktinischer Buchtipp für eine wohl temperierte Betrachtung: Dom Columba Marmion OSB: Worte des Lebens – Tagesgedanken nach dem Messbuch, Rex Regum – Verlag Jaidhof, 2004). Durch bewusste „liturgische“ Mitarbeit in der Gemeinde (Schola, Kirchendekoration, Altardienst, korrekte liturgische Haltungen nach dem Rituale Romanum).