Der Ruf der Heiligen Ordensgründer (Teil 3)

Franziskanische Abtötung 

Als eindrucksvollen Moment im Leben des heiligen Franz von Assisi (1181/82–1226) dürfen wir uns in Erinnerung rufen, wie dieser sich bewusst gegen die materielle Versorgung durch sein Elternhaus ent­schied, und sich als Untermauerung dieses festen Entschlusses ohne Gewand auf den Marktplatz von Assisi stellte. Armut hat auch eine befreiende Dimen­sion, die den Kern der franziskanischen Spiritualität ausmacht: durch das Verbannen all dessen, was uns den Blick auf die ewigen Güter versperren kann, wird der Blick frei für die Gegenstände unseres Glaubens. Wir wachsen in eine viel existenziellere Beziehung zu Gott hinein, als wir es täten, hätten wir noch das „back­up“ materieller Behaglichkeit. Mit diesem Anspruch scheint die franziskanische Spiritualität als die dem Christen in der heutigen Welt am weitesten entfernteste Idealvorstellung christlichen Lebens. Und doch brauchen wir die franziskanische Spiritua­lität heute ganz besonders. Die äußere Armut des heiligen Franz war nämlich kein Selbstzweck, son­dern diente der Fokussierung auf das Wesentliche, auf die geistigen Güter, auf unseren Glauben, der aus uns Anbeter in der Wahrheit und im Geist (Joh 4, 24) machen will, der also auf etwas Nicht-­Materiellem gründet und auf etwas Nicht­-Materielles hinweist. Deshalb verwundert es auch nicht, dass aus der fran­ziskanischen Spiritualität heraus der Franziskaneror­den ebenfalls zu einem Hort der wahren Wissen­schaft wurde. Das Verlassen des Materiellen und das Aufschwingen in geistige Höhen zeigte herrliche Früchte. So war der 1991 seliggesprochene Franziska­ner Duns Scotus einer der frühen Verfechter der Gla­ubenswahrheit der Unbefleckten Empfängnis. 

Eine Armut, wie sie sich aus der franziskanischen Spiritualität heraus abzeichnet, hat nicht nur eine äußere Form, sondern ist vor allem die innere Hal­tung der Anerkennung des Primats des Geistes über die Materie, und somit von jedem Christen, und sei er auch Multimillionär, zu beherzigen. Sich in diese Grundwahrheit immer neu zu vertiefen ist tatsäch­lich bitter notwendig in unserer materialistischen Zeit. So drückte sich Pfarrer Milch bereits im Jahre 1978 in seiner Koblenzer Rede wie folgt aus: „Die geistentwurzelten Eintagsfliegen-­Menschen sind selbstverständlich ihrerseits von nackten Tatsachen verzaubert. Sie staunen so, wie Tiere staunen: vor außergewöhnlichen Geschwindigkeiten und Entfer­nungen. Es ist doch eine geistige Schmach, dass Millionen nachts wach blieben, um zuzuschauen, wie eine Fliege auf eine Lampe hinaufsteuert und sich dort niederlässt. Im Prinzip ist nämlich die Mondlandung der Menschen nichts anderes als das Landen der Fliege auf irgendeinem Gegenstand. Mag noch so viel Verstandesschärfe und komplizierte Gedankenarbeit dahinter stecken, von Geist kann noch lange keine Rede sein. Der Geist erkundet das Wesen, den Zusammenhang, den Sinnbezug. Mit der Mondlandung einen Menschheitsfortschritt zu signa­lisieren, blieb unserem geistesfinsteren Jahrhundert vorbehalten.“ Sind nicht auch wir allzu sehr solche „Eintagsfliegen-­Menschen“, von denen Pfarrer Milch spricht? Laufen nicht auch unsere Augen über, wenn wir von schnellen Autos und neuen praktischen Angeboten und Applikationen aus den digitalen Kathedralen diverser Mobilfunkanbieter hören? Den­ selben Mut, den der heilige Franz auf dem Markt­platz von Assisi aufbrachte, gilt es auch für uns auf­zubringen, und damit dem geistigen Leben in uns zum Durchbruch zu verhelfen. Wir müssen nicht unser Hab und Gut verschenken, doch sollten wir uns fragen, was uns persönlich oft daran hindert, dem geistigen Leben den Vorrang vor einer Konsum­mentalität zu geben, zu der übrigens ganz wesent­lich auch der Konsum unnützer Informationen gehört. Was für den heiligen Franz das elterliche Hab und Gut war, von dem er sich verabschiedete, kann für uns die ein oder andere unnötige App, die ein oder andere Lieblingsserie im TV oder auch generell die Mentalität sein, jedes „angesagte“ technische Gerät besitzen zu wollen oder immer über alles informiert sein zu müssen. Schälen wir uns aus die­sen Anhänglichkeiten heraus, indem wir sie zunächst ein wenig einschränken, dann immer stiefmütterli­cher behandeln, und dann schließlich den freigewor­denen Raum mit „Geist“, mit sinnvollen Beschäfti­gungen füllen, die uns näher zu Gott bringen. 

Franziskanische Spiritualität in einem Satz: Der Geist hat Vorrang vor dem Materiellen, deshalb wird dem Geist immer mehr Raum gegeben und das abgelegt, was dem Primat des Geistes schadet. 

So können wir sie für uns fruchtbar machen: Durch eine individuelle „Gewissenserforschung in franzis­kanischem Geist“, die in eine gesunde Entschla­ckung, nämlich in das Ablegen materieller Anhäng­lichkeiten mündet. Durch Geistesarbeit: etwa die persönliche Vertiefung in ein Glaubensthema, das man schwer versteht oder zu dem man Fragen hat (als Ergebnis davon könnte zum Beispiel ein Beitrag für den DGW entstehen).