Rundbrief der KJB Deutschland im April

Liebe KJBler,

ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wie viele Leute tatsächlich diese Rundbriefe lesen. Vielleicht sind es zwei, vielleicht sind es 100. Die Gründe, weswegen jemand diese Rundbriefe nicht liest, mögen vielfältig sein, einer aber ist sicherlich, dass es uns zunehmend schwer fällt, in Ruhe und Konzentration einen Text lesen und daraus einen guten Gedanken mitnehmen zu können. Viel zu oft und viel zu schnell werden wir abgelenkt, verlieren den Fokus oder vergessen, was wir eigentlich gelesen haben. Schuld an unseren mangelnden Konzentrations- und Abstraktionsfähigkeiten ist die extreme Reizüberflutung: Pausenlos sind wir von Bildern, Videos, Musik, Nachrichten etc. umgeben. Immer wird unseren Sinnen etwas Neues aufgedrängt. Diese Tatsache hat viele negative Auswirkungen auf unser Lesen, Lernen und Nachdenken.

Aber auch unsere Fähigkeit des Zuhörens wird beeinträchtigt. Ich spreche dabei weniger vom tatsächlichen Hören, was der Gegenüber uns erzählt, wobei das auch manche betreffen mag, sondern vom Zuhören im weiteren Sinne. Danach umfasst das Zuhören nicht nur den Akt des Hörens des Gesagten, sondern auch das Nachdenken, Verstehen und, wenn es wahr und gut ist, das Befolgen des Gehörten. Das Zuhören ist eine Voraussetzung für das Gehorchen, in dem das Verb „Horchen“ steckt. Doch dazu später mehr.

Unsere Zeit erschwert uns das Zuhören aber nicht nur durch Lärm und Hektik. Heute soll alles gleich gemacht werden, es darf keine Hierarchien und Autoritäten mehr geben, keinen Dienst und kein Opfer mehr. Untertänig zu sein erscheint dem ach so aufgeklärten und freien Menschen der Moderne als das Schlimmste überhaupt. Zuhören und Befolgen, das heißt Gehorchen, erscheinen damit völlig überflüssig, ja sogar gefährlich. Diese Ideologie erstreckt sich auf alle Lebensbereiche: Wie viele Menschen kommentieren in Sozialen Netzwerken, ohne den zugehörigen Beitrag überhaupt gelesen zu haben? Man glaubt, man hätte das Recht, seine eigene Meinung immer und überall kundzutun, ohne diese sich überhaupt vorher gebildet zu haben. Dafür nämlich müsste man zuhören. Wie oft hört man, die Kirche müsse dieses abschaffen, jenes einführen? Wie viele Studenten glauben, bereits im ersten Semester Experten zu sein und dem Dozenten etwas vormachen zu können? Aber bereits davor: An der Schule gilt Frontalunterricht als „nicht mehr zeitgemäß“ und in Kindergärten dürfen Kleinkinder sich in „Kitaparlamenten“ engagieren und sich an Finanz- und Personalentscheidungen beteiligen (kein Witz). Auch die Verbreitung sogenannter Kinderrechte trägt zu der allgegenwärtigen Illusion bei, alle möglichen Rechte, aber keine Pflichten zu haben. Jeder will etwas fordern, kaum einer aber dafür etwas leisten.

Im Gegensatz dazu schreibt der heilige Benedikt von Nursia im ersten Satz seiner berühmten Ordensregel: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“ Warum stellt der Ordensgründer das Zuhören an den Anfang seiner Regel? Weil das Zuhören die Grundlage unseres geistlichen, übernatürlichen Lebens ist. Zu Recht werden wir gewarnt, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern auch zu befolgen (Jakobus 1,22). Aber vor dem Befolgen des Wortes kommt das Hören und Verstehen des Wortes. Nicht umsonst heißt es: „Wisset es, meine vielgeliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell bereit zum Hören, langsam zum Reden“ (Jakobus 1,19). Bereits im Alten Testament wird der weise genannt, der zuhören kann (Sprüche 4,10 und 1,5 und 15,31). Christus selbst ist uns Vorbild darin, wenn er als zwölfjähriger Junge im Tempel den Schriftgelehrten auch zuhört (Lukas 2,46). Und wir wiederum sollen Christus zuhören (Lukas 9,35). Wenn unsere Aufgabe im Leben also darin besteht, Gott zu dienen, müssen wir sein Wort hören und befolgen, das heißt, ihm gehorchen.

Das klingt banal, hat aber weitreichende Folgen: Da unser Dienst an Gott ein Akt der Liebe sein soll, wird auch das Zuhören zu einem grundlegenden Akt der Liebe. Aber wie können wir Gott zuhören? Das geschieht natürlich im Gebet. Es ist die tägliche Übung eines kontemplativen Lebens, sich selbst zurückzunehmen, das Irdische möglichst auszublenden und sich ganz Gott und seiner Gnade zu öffnen. Dafür braucht es auch innere und äußere Ruhe. Man erkennt hier den tiefen Sinn der Schweigsamkeit und Stille eines Klosters. Darüber hinaus hört man Gott zu, indem man seiner Braut, der Kirche, zuhört und gehorcht. Auch wir in der katholischen Tradition halten oft so manche unbequeme Regel oder Position aus dem Katechismus, dem alten Kirchenrecht oder den Enzykliken für „übertrieben“ oder „zu hart“, obwohl es uns gar nicht zusteht, das Gebot der Kirche abzulehnen.

Zuhören kann aber auch auf die Nächstenliebe übertragen werden, indem wir uns für einander Zeit nehmen, die Sorgen anhören, guten Rat geben und guten Rat befolgen. So können wir uns in dieser Passionszeit und darüber hinaus bemühen, diese Fähigkeit, die eng mit den Tugenden des Gehorsams, der Demut und Liebe verbunden ist, zu üben – in Bezug auf Gott und den Nächsten. Mit der Hilfe des Heiligen Geistes wird unser Zuhören sehr fruchtbar: Wir werden reifer, erfahrener und mit Mariens Hilfe vor allem in den Tugenden und der Heiligkeit zunehmen.

Es lebe Christus, der König!

Im Gebet verbunden,

Moritz